Pop-Literatten

Natürlich, klar, logisch, ich geb’s zu: Auch ich bin betroffen. Von dem heimlichen Wunsch aller Journalisten, eines Tages ein Buch zu schreiben. Und vielleicht noch eins und noch eins, bis ich eines Tages nicht mehr an eine Redaktion gekettet bin. Sondern zu Hause sitze, auf dem Herd schmort der Kobe-Rinderfond, das Balg spielt im Garten mit dem Rottweiler und ich hänge in Thomas Mann-Manier meinen literarischen Gedanken nach, mit denen ich in Thomas Mann-Manier nachher genau eine Seite/Tag zu Papier bringen muss. Bis schließlich der Kies in der Auffahrt unter den Rädern des Rovers knirscht, der meine lässig-schicke Frau von der Arbeit nach Hause bringt….
Schön wär’s. Aber ich geb wieder was zu: Bislang bin ich immer noch zu faul. Das mit den 10 Prozent Inspiration würd schon hinhauen, aber mit den 90 Prozent Transpiration hapert’s. Leider.

Man muss nun aber sagen, es gibt durchaus Journalisten, die kriegen das hin. Manche schustern ein Buch aus Internetfundstücken zusammen, nennen ihr Wissen dann “geheim” und bieten das als Sachbuch an. Andere basteln Charts, deklarieren irgendwas als das essentielle Wissen von Männern/Frauen/Kindern/Hunden: Bücher, in denen mangels Recherche der 2. Weltkrieg schon mal 1933 anfängt. Wieder andere zeigen auf Hundehüttengroßen Seiten die Fußballstadien der Welt – für Fans sicher interessant. All das ist durchaus kreativ, und man muss die Selbstdisziplin auf jeden Fall anerkennen.
Richtig groß finde ich’s, wenn Journalisten ordentliche Sachbücher hinbringen. Über die Weltmacht USA, die im Wüstensand stecken bleibt; das Leben eines Diktators oder den Hund seiner Witwe. Wenn so ein Buch echtes Wissen gut lesbar vermittelt, mag ich so was sehr gerne. Chapeau!

Belletristik kriegen Journalisten leider selten hin. Warum, weiss ich nicht genau: Vielleicht, weil sie das Abbilden der Realität einfach besser können als das Geschichten erzählen, das Dichten. Gewohnheit? Ich hab mich vor ein paar Tagen mit Tommy Jaud (“Vollidiot”) unterhalten, dem geht es genau andersrum.

Was in den vergangenen Jahren aber immer populärer geworden ist (unter Journalisten): Wenn Journalisten über ihr Leben als Journalisten schreiben. Da möcht ich dann immer schreien: Who the fuck cares?

Drei Titel sind mir da in diesem Frühjahr über den Weg gelaufen. Etwa Eric Pfeil, Lebensgefährte und Kindsvater der von mir hochverehrten Charlotte Roche, hat uns kürzlich mit dem Buch “Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee” (KiWi) beglückt. Da ich aber weder gerne mit Schlagzeugen rumwerfe, Tagebücher nicht gerne lese, insbesondere solche, die als “Pop-Tagebücher” deklariert sind, hab ich Herrn Pfeils Druckfahne schnellstens weiter gereicht.
Wer will denn was über den Alltag und die Erlebnisse von Journalisten wissen (ausser, es handelt sich dabei um Menschen namens Kisch, Cordt-schnibben oder Friedrichsen)? Ich glaube: ganz wenige Leute. Aber unbeirrt werden da Bücher zusammen gepinselt.
Etwa von Katja Büllmann, die in “Mit einer Reise fing alles an” (Malik) über Journalistinnen (das “i” ist deswegen klein, weil keine Männer dabei sind) und ihre von der Tourismusindustrie gesponserten Trips berichtet. Zwischen apulischen Trullis, ayurvedischen Tempelhütten in Sri Lanka und nigerianischen Wildtierreservaten. Ach, wie ist die Welt doch schön! Und wir modernen Frauen mittendrin.
Leseprobe (über eine “Ivona”):

Als Ivona zum verabredeten Treffpunkt kommt, ist sie wie auf Knopfdruck Mittelpunkt im (sic!) Lokal. Atemlos lässt sie sich in einen freien Sessel fallen, lächelt ein bisschen schuldbewusst, weil sie zu spät ist, eine Marotte von ihr. (…)
Kürzlich ist sie Chefredakteurin geworden für (sic!) ein Foodportal im Internet. Kleines Team, große Pläne und Ivona voller Idealismus vorneweg. In der abendlichen Runde erzählt sie von den ersten Schritten ihres Pionierprojekts. Fröhlicher Toast, man wünscht ihr Glück. Alles perfekt in ihrer Welt….”

Undsoweiterundsofort. Es geht damit weiter, dass die Alte ihr Leben doch nicht so perfekt im Griff hat, was mit nem Typen hatte, nun der Gatte Stress macht, sie im Job gemobbt wurde und jetzt im Ayurveda-Resort – tschuldigung, die Phrase drängt sich hier auf – die Seele baumeln lassen will. Dann kommt die Reiseerzählung, die Dame wird geläutert und fühlt sich hinterher wie im Schonwaschgang gebürstelt und dann frisch gebügelt. Fertig.

Mal ganz abgesehen davon, dass solche Weiber, die sich zwischen iPod, Chanel-Sonnenbrille, Pradaschühchen und Mini-Zündschlüssel inszenieren, auf Männer einen enormen Brechreiz ausüben:
Wer will das lesen?
Wer was über die wahre Welt wissen will, soll sie selbst bereisen und erkennen, dass das alles eine Stange Geld kostet. Und Länder wie Nigeria oder Brasilien scheißgefährlich sind. Aber die Erlebnisse von Luxusweibchen, die nur der Umstand, dass sie in der Medienbranche tätig sind, googlerelevant macht – fuck ‘em!
Tschuldige, Katja, nimm’s bitte nicht persönlich!

Ein weiteres Buch, das mich etwas befremdet hat, ist “Vorn” (Aufbau) von Andreas Bernard. Inhalt: Ein junger Typ namens Tobias Lehnert, Wischiwaschi-Studium abgeschlossen, kommt in einer süddeutschen Großstadt an die Redaktion eines Jugendmagazins einer großen deutschen Tageszeitung. Das Magazin finden alle ganz toll, er natürlich auch, drum erstarrt er fast vor Ehrfurcht, als er für die einen Artikel über Flipper (die Geräte, nicht das Säugetier) schreiben darf. Dann rutscht er in den Laden rein, es folgen spannende Tage des New Journalism based in the Bavarian capital, und ein Frauendrama ist auch noch reingestrickt.

Unschwer zu erkennen: Es geht um “jetzt”. Wo Andreas Bernard auch Autor war (heute SZ-Magazin). “jetzt” hat mich damals auch schwer faziniert: Man muss aber dazu bemerken, dass ich damals bereits eine starke Print-Medien-Affinität hatte und für die Lokalzeitung schrieb. Heute kann ich diese Geschichten vom Krieg (als ich noch für “Tempo” arbeitete, da hatten wir so einen Fotografen…und der Stuckrad-Barre, der war ja auch so abgedreht…”) eigentlich nur noch nach entsprechender Alkohol-Sedierung ertragen – und selbst dann nicht länger als zehn Minuten.
Bernards “Vorn” hat jedoch 249 Seiten.
Es tut mir wirklich leid: Bernard ist ein guter Autor, ein sehr guter sogar.
Aber ich denke, dass dieses nur leidlich getarnte Stück aus seiner beruflichen Vergangenheit kaum jemand interesst. Ausser denen vielleicht, die dabei waren, und die dann bei einem Abendessen das Buch zücken, um ihren Gästen zu sagen: “Na, weisste, wer da gemeint ist? Na?”
Junge Leute kennen “jetzt” meist nicht mehr. Und für die Älteren, die nicht in den Medien zu Hause sind, ist es nur ein Bruchteil der Vergangenheit – und noch nicht mal alt genug, dass es in “Die zehn nervigsten Dinge der 80-er” auftauchen könnte.
Es wäre schön, wenn Medienleute endlich erkennen würden, dass sich die Welt definitiv nicht um ihre Lebenswirklichkeit dreht.

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3 Antworten zu „Pop-Literatten“

  1. headwind sagt:

    “jetzt” war schon stilbildend und ein Vorzeigeblatt, das man nie hätte einstellen dürfen – ich schau mir ehrlich gesagt immer noch sehr gerne meine Voodoo-in-Benin-Titelgeschichte mit grandiosen Fotos von Ralf Niemzig und einem tollen Layout von M.B. an Doch jetzt über “jetzt” zu schreiben ist eher am Leben vorbei – da hast Du Recht. Katja Büllmann sitzt übrigens bereits an einem neuen Buch: “Mit einer Reise endete es.”

  2. Michael Petrikowski sagt:

    Andreas Bernard war in den neunziger Jahren Mitglied der Jetzt-Redaktion, einer Jugendbeilage in der Süddeutschen Zeitung mit hohem Kultstatus. In seinem Schlüsselroman Vorn beschreibt er das Lebensgefühl der Jungjournalisten zu dieser Zeit. Einfühlsam und ehrlich schildert der Autor die Identitätskrise in die sein Protagonist Tobias Lehnert dabei gerät. Ein unterhaltsam und locker geschriebener Roman, der der Realität wohl ziemlich nahe kommt.

  3. daherrkoarl sagt:

    Lieber Herr Petrikowski,

    das wissen wir alles. Und um das ging es hier auch nicht.

    Dass Sie jetzt Copy&Paste-ig einen Teil Ihrer irrsinnig originellen ( “Einfühlsam und ehrlich, unterhaltsam und locker geschrieben”.) Buchrezension von Ihrem BLOG hier als Kommentar reinkopieren, macht den Roman leider nicht besser. Mit Verlaub: Die Geschichte ist lahm und schlecht zusammen gezimmert.

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