Vorgeplänkel:
Ein halbes Jahr hab ich hier nichts mehr gepostet, das sei, mal freundlich gesagt, meiner allgemeinen Zeitknappheit und der schnell-verführerischen Kommunikationsbox Facebook geschuldet.
Doch ein aktueller Anlass – Rudi Raschkes Kistlergate-Böller, den er vergangene Woche krachen ließ – ließ mich doch mal wieder aktiv werden.
Wer nicht im Thema „Abschreiben bei der Badischen Zeitung“ drin ist: Ich kann allen Journalismus-Interessierten die Lektüre von Rudi Raschkes Blog empfehlen: Lesen!
Oberflächlich gehts hier um ein, zwei, drei, viele Abschreibereien einer Ex-Kollegin. 2007 hatte sie sich bereits bei einem vielbeachteten Text von SZ-Autorin Cathrin Kahlweit hübsch bedient, diese protestierte, nichts geschah. Jetzt wieder.
Nun die Reaktionen: ein peinlich berührter BZ-Chefredakteur Thomas Hauser in einer Flucht nach vorne (also auch in der eigenen Printausgabe, wie auch inzwischen in der digitalen), zahlreiche Kommentare bei Facebook, die meist empört um Aufklärung baten. Die BZ-Kollegen hielten sich (verständlicherweise) im Hintergrund, einige schickten Mails, die Fremdschämen, ein bisschen Erstaunen und den Wunsch um Aufklärung ausdrückten – keine Schadenfreude.
Aber auch ein Post, der um Mäßigung warb, und unterschwellig eine persönliche Animosität gegenüber der Kollegin unterstellte. Das möchte ich in aller Deutlichkeit zurückweisen, und spreche dabei auch für den Ex-Kollegen Raschke.
Inzwischen wurde der Fall auch vom Ex-Handelsblatt und Crossmedialist Thomas Knüwer in seinem Blog kommentiert unter dem Titel ‘Eine kleine Dosis Mitleid für die Guttenbergerin der “Badischen Zeitung”’.
Eine Analyse, in der er unter anderem Zeit- und Geldknappheit in den Redaktionen als wesentliche Ursache solcher Guttenbergereien sieht. Und Platzmangel im Blatt. Sowie ein wenig Mißgunst. Insgesamt eine sehr gute Beschreibung der heutigen Situation der Printmedien, jedoch ist mir ein kleines bisschen zu viel Verständnisheimerei drin.
(Auch wenn’s stimmt, verdammt nochmal: Gutes Zeug kostet gutes Geld!!)
Hier drei (korrekte) Zitate von Thomas Knüwers Text:
„In Zeiten, da merkwürdige und wenig seriöse Zitat-Rankings als Marketing-Instrument verwendet werden, hängt auch ihr Stand von Zitaten ab. Also machen sie Druck.“
„Wo sollen sie aber herkommen, die exklusiven Informationen, die das Abschreiben unnötig machen würden? Die Reiseetats werden immer stärker gekürzt – zum Recherchieren kommen viele Journalisten nur noch notfalls raus. Gleichzeitig bleibt immer weniger Zeit: Die Redaktionen sind zusammengekürzt, die Online-Angebote müssen bedient werden. „
„Auch der redigierende Produktionskollege streicht bei Platzmangel lieber die scheinbar unwichtige Quellenangabe. Außerdem: Warum soll man den Feind, also einem anderen Print-Produkt, ein solches Lob zukommen lassen?“
Natürlich ist die Blattmacherei nicht leichter geworden. Aber ich kann mich nicht entsinnen, eine Rüge von einem Vorgesetzten bekommen zu haben, wenn ich ein „Zeit“-Zitat verwendete. Im Gegenteil: Die Berufung auf Großkatzen im Gehege gab einem Argument durchaus Urteilskraft.
Es ist auch richtig, dass schon immer abgepinselt wurde – aber das macht es nicht besser. Nur: Heute muss man schon ziemlich naiv sein, zu glauben, dass nur selbiges in den Zeiten des Internets leichter geworden ist. Auch der Nachweis ist einfacher als früher.
Es ist völlig legitim und nützlich, sich bei einem Thema inhaltlich durch die Lektüre bereits erschienener Texte schlau zu machen. Und dann auch einen Gedanken in eigenen Worten wiederzugeben: Das hat selbst in der deutschen Wissenschaftstheorie Tradition. Ab einem gewissen Punkt sollte man aber dann schon mal fairerweise auf die Quelle hinweisen. Soviel Zeit muss sein – ich kenne niemanden, der aufgrund der erhöhten Schlagzahl in seiner Redaktion bzw. durch geschrumpfte Reiseetats gezwungen war, ganze Absätze wörtlich zu kopieren. (Gibt ja auch Telefon & Mail, oder?).
Schon gar nicht, wenn man in der durchaus privilegierten Position eines Seite-3-Redakteurs ist.
Wie gesagt, es geht hier nicht um eine Formulierung oder einen Satz: Sondern um ganze Absätze.
Leider hat Knüwer recht, dass dies kein Einzelfall ist. Erst vor zwei Wochen saß ich mit einem Kollegen voller Unglauben vor einem Feature aus der Springer-Wochenendpresse, welches genüßlich den Fall und Aufstieg der russischen Stümperspionin Anna Chapman darlegte. Und der Urheber sich dabei schamlos und absatzweise aus einem Spiegel-Stück vom Winter 2010 bediente.
Das geht einfach nicht. Auch in miesen Zeiten nicht.
Kein Journalist tut durch Abschreiben seinem Blatt, das sich in den Zeiten sinkender Auflagen mit Qualitätsjournalismus profilieren möchte, einen Gefallen. Es fliegt auf, garantiert! Und die Glaubwürdigkeit ist beschädigt. Und der Leser (der ja gar nicht so blöd ist, wie viele denken) wird ebenfalls getäuscht: Man setzt ihm einen vermeintlichen Mehrwert vor, für den er bezahlt. Dass man Kollegen um die Geistesleistung bestiehlt, steht ausser Frage.
Darum tue ich mich so schwer mit dem Unter-den-Teppichkehren, dem Zum-Kavaliersdelikt-Erklären, auch ein Naserümpfen-über-vermeintliches-Denunziantentum kann ich nicht akzeptieren.
Wenn wir in diesen Zeiten mit Journalismus Erfolg haben wollen, muss dieser hochwertig und ehrlich sein. Das gilt nicht nur für Minister.



