Gestern abend großer Showdown der Esser- und Trinkerszene im Münchner Hotel Königshof: Alle besseren Kochlöffelschwinger waren da, um die Präsentation des neuen Gault Millau-Gastroführer (christian-Verlag, ca. 30 Euro) zu erleben.
Im Vorfeld gab es ordentlich Rabatz. 14 Spitzen-Winzer hatten zum Boykott gegen den gleichnamigen Weinguide aufgerufen, nachdem ihnen vom Verlag ein obskures Marketingpaket angeboten worden war: Für 195 Euro jährlich zwei Freiexemplare und allerlei Firlefanz, was in die Richtung „Zahl mich und ich erwähn dich“ ging. Chefredakteur Armin Diel musste seinen Hut nehmen – ob er der Urheber der Geschäftsidee war, ist unklar. Riecht jedenfalls alles schwer nach Bauernopfer.
Na egal, gestern hatten sich alle wieder lieb, der Ärger war längst mit eine Schluck Riesling runtergeschwemmt.
Sogar Alfons Schuhbeck hat seine weiße Uniform (mit der er wahrscheinlich auch schläft, wenn er denn mal schläft) gegen einen grauen Anzug getauscht und spielt heut mal Gast.
Bei mir am Tisch: Stephan Geisel von den Geiselhotelgangstern, Harald Wohlfahrt von der Traube, der von mir verehrte Fritzchen Keller („Schwarzer Adler“, Oberbergen) ist leider nicht da, hat aber sein Sommelier-Wunderkind Melanie Wagner geschickt. Dann noch ein paar Italiener mit Gaunergesichtern sowie Kollegen von der Bild und der Bunten. Und einen Schreiber, den ich nicht kenne. Scheint ein gewichtiges Kaliber zu sein, weil er dauernd davon quatscht, wieviel Asche er mit den Büchern gemacht habe, die als Zweitverwertung seiner Zeitungsgeschichten entstanden.
Stephan Geisel entpuppt sich als ein gewitzter Typ mit Weinverstand und Lausbubencharme, freut sich über den Mehrwertssteuernachlass von Westerwilli. Warum sein Vetter Otto jetzt bei Slowfood den Büttel hingeschmissen hat, kann er mir jedoch auch nicht beantworten.
Auch Harald Wohlfahrt ist nett. Echt. Etwas schüchtern vielleicht, und mit einer gewissen Portion unfreiwilliger Komik ausgestattet. Beispielsweise erzählt er mir mit badischem Charme über den Gastrodichter Jürgen Dollase von der FAZ:
„Des isch ja schon erstaunlich, der kommt ja gar nicht vom Fach. Eigentlich e Musiker, der het bei der Band „Wallenstein“ doch Skateboard gespielet.“
Geiler Satz, oder?
Mit Köchen unterhalte ich mich immer gerne, denn die wissen viel (außer von Jugendkultur) und labern weniger rum. Wohlfahrt etwa spricht (wenn er denn spricht, denn meistens summt er eine undefinierbare Melodie) mit sehr viel Hochachtung über die Kollegen. Sogar über Ferran Adria, den er jedoch nicht als besten Koch der Welt anerkennt.
Wohlfahrt ist heute hier, weil einer seiner Schüler, der 39-jährige Wahabi Nouri (Piment, HH), als Koch des Jahres geehrt wird: Gelobt werden Nouris kulinarischen Anspielungen auf seine afrikanische Herkunft (dabei schrappt der Laudator in seiner Rede nur knapp am N-Wort vorbei, „Buschtrommel“ fiel schon – Nouri ist Deutsch-Maorokkaner!).
Was leider nicht zur Sprache kommt an dem Abend, aber nachzulesen ist im Gault Millau: Nils Henkel und noch ein paar Köche haben einen Punkt verloren, weil sie Heringskaviar verwenden. Für Laien: Das ist Fischabfall mit dem Tapetenkleisterbestandteil Xanthan. Also richtig bäh. Recht so!
Auch Johann Lafer verliert zwei Punkte, weil sein Essen nach gar nichts schmeckt.
Insgesamt ist das die Stärke vom Gault Millau: den Köchen eins auf die Kochmütze zu geben. In seiner Verrißqualität ist der Führer mindestens so kreativ wie die Männer hinterm Herd.
Kleine Leseprobe über „Ederer“ in München:
„Leider kommen die Gerichte nicht aus dem Automaten, sondern aus einer Küche, bei der wir uns des öfteren fragten, was Ederers Köche wohl von Beruf sind?
Protokoll unseres letzten Essens beim kunstsinnigsten Koch der Stadt: Die gebratenen Calamare à la älteres Gummigetier wurden von Rucola und einer Avocado/Kürbis-Terrine begleitet, die wohl jedes Convenience-Unternehmen besser bietet (…) Als unfehlbare Wunderwaffe zur Gästeabschreckung kam „Grüner Spargel mit poschiertem Ei und Butterbröseln“: der Spargel von erlesener Labbrigkeit, das pochierte Ei eine Stümperei (mit der jeder Lehrling bei einer Gesellenprüfung durchfällt).“
Undsoweiter.
Klar, das ist schon ziemlich böse. Soll aber dazu dienen, dass sich was ändert. Dass der Gast bei der ganzen Asche, die er im Lokal lässt, auch was Feines bekommt. Manchmal denke ich, die Gault Millau-Kritiker sind die letzten wahren Journalisten…seufz.
Und die Journalisten, die heute hier sind? Die bei mir am Tisch belabern Melanie Wagner, die heute abend zur Sommelier des Jahres gekürt werden wird.
An dem Mädel hat Fritz Keller ein echtes Schätzchen: Blutjung, viel Ahnung von Wein, sieht auch ganz reizend aus und ist mit ihrer diplomatisch-charmanten Art sehr überzeugend.
Und sie mag Schokolade: Während sich nämlich die Herren von der Presse – jeder von ihnen weit jenseits der 40, übergewichtig und fettlippig – um die junge Frau Wagner scharen wie die alten Raben um den Käse, verspeist sie schweigend das Dessert von dem Bild-Mann. Der Bunte-Typ faselt von seinen zweifelhaften Kochversuchen, der Unbekannte wagt einen Anbiederungsversuch, indem er behauptet, das „Badnerlied“ als Handyklingelton zu haben. Der Bildmensch sagt nix, sondern leidet still unter seiner Rosazea (kann aber auch sein, dass die rote Birne vom Saufen herrührt).
Ich bin echt fasziniert.
Frau Wagner schmeckts, sie schweigt und lächelt orakelhaft – die Presseonkels langweilen weiter mit ihren gefühlt zweistündigen Monologen vom Krieg. Die Italiener fühlen sich unbelauscht und lästern auf Italienisch über den Bordeaux (der übrigens fantastisch schmeckt). Paula Bosch kommt vorbei, umarmt uns alle, als ob wir Kindergartenkumpels wären. Und Harald Wohlfahrt summt. Seltsame Tischgesellschaft.
Für mich dann am Ende das Highlight des Abends: Manfred Friedl, der seinen Berufsweg vor 50 Jahren als Page im „Königshof“ begann und dort immer noch robotet, wurde zum Oberkellner des Jahres gekürt. Ein klein wenig Anerkennung für einen von denen, die es jeden Abend mit diesen Feinschmeckersnobs aushalten müssen.



