Kochen, bis die Ärzte kommen

Februar 8, 2010 von daherrkoarl

Das ist sie also, die berühmte Rote Gourmet Fraktion. Eine Handvoll Vögel, Rockgenre-gemäß herausgeputzt, Basisfarbe schwarz, hie und da ein Piratentuch. Ein dreckiges Dutzend, das angetreten ist, der Gourmetwelt in Punkmanier die Stirn zu bieten. Mit einer Entourage ebenfalls in schwarz gewandeter, gekont abgerissen erscheinender Begleiter: Ein DeeJott ist dabei, denn man kann ja heute ohne Gedudel nicht mehr gepflegt essen (“grouvige Lounge-Beats by Max Mausser“). Ich sehe eine Nickelbrille, wie sie der Zeichner Brösel trägt – so eine hab ich aus nächster Nähe das letzte Mal 1985 bei einer Kifferparty in der Holledau gesehen.
Geladen hat der umsatzstärkste Tabakhersteller in Deutschland, einfach mal so, seinen Geschäftsfreunden zu zeigen: Wir leben auch in Zeiten des Rauchverbots und des Werbeverbots noch. Nun gut.
Ole Plogstedt führt uns in flotten Worten in sein Menu ein: Mit seinem als “Thunder” deklarierten Zander und dem “Corn at Beef” (Rindersteak mit Corn Flakes-Kruste auf “mashed Peperpotatoes”) beweist der Mann Sinn für Wortwitz, das ist mal was. Leider verstehen das die meisten nicht, aber das kann man Plogstedt nicht anlasten. Und dann gehts zur Sache.
Der Zander ist auch wirklich schön: zart, aber noch mit Konsistenz. Und die Graupenpampe dazu hat eine interessante Konsistenz, schmeckt auch würzig. Graupen! Will ich auch machen, kenn ich nur aus Geschichten von der Oma.
Nur leider bleibt meiner charmanten Tischdame und mir der Donnerfisch fast im Halse stecken, da der Weisswein mit Abwesenheit glänzt.
Auf der Karte steht er schon, der “Krautwine“: Eine Kooperation von der RGF und Martin Tesch dem Riesling-Wunderknaben von der Nahe: Ich hab den Tropfen kürzlich zu Hause probiert: Kein übler Saufwein, der sich nur marginal von Teschs “Unplugged” unterscheidet. Die RGF vertreibt den Riesling auch online – mit ein paar Euro draufgeschlagen. Ganz ehrlich: In Sachen Säure fand ich den Namen “Krautwine” dann doch ganz treffend.
Aber zurück zur Tafel. Die blonden Elfen machten keine Anstalten, und zu trinken zu geben. Murren kam auf. Dabei besagt doch die alte Regel von 1789: “Du kannst gern das Volk hungern lassen, aber lass es nie dürsten!” Nach viel Gewinke und deutlichen Worten gab uns das blonde Lockenköpfchen, bis dato mit Rumstehen schwer beschäftigt, dann doch ein Glas. Meine Tischgenossin hatte jedoch den Fisch schon weggeputzt.
Na gut. Beim Beef waren wir schlauer: Als die Teller an den Tisch kamen, baten wir energisch – die Tischgenossin, ein beleibter, schreibender Anwalt sowie ein Prinz vom Geschlecht des Amadeus um Wein – und zwar Roten! Und er kam – fast schon im Takt. Ein schöner Burgenländer, “Kloster am Spitz” hieß der Bursche, hatte m. E. ein paar Monate im Fass verbracht.
Doch dann kamen die nächsten Schwierigkeiten auf. Das Beef war auf den Kartoffelbrei gebettet und drohte bei jedem Schnitt in der Pampe zu versinken. Solch eine Konstruktion hätte der unbegabteste Statiker nicht durchgehen lassen. Dazu kam erschwerdend, dass das Zeug mit einer feuchtigkeitssaugenden Textur gesegnet war, dass man mit dem Trinken gar nicht nachkam. Plötzlich, ein Blick zu den Nachbarn zur Rechten: Die hatten Soße! Zwar nur ein minimalistisches Schälchen, aber immerhin (Und, wie sich später herausstellte, auch ein leckere!). Murren setzte ein, das langsam anschwoll. Ich bin inzwischen überzeugt, dass die Meuterei auf der Bounty seinerzeit zu vermeiden gewesen wäre, wenn man der Crew nur rechtzeitig Soße zum Beef gegeben hätte.
Das blonde Lockenköpfchen wird mittlerweile von einen jungen Mann unterstützt, der einen hie und da tatsächlich wahrnimmt.
Muss er auch. Denn an Pfeffermühle und Salz ist Not, gibts auch erst nach flehentlichen Betteln. Lockenköpfchen beeilt sich schon fast.
Dann der Nachtisch: Fein!
Ein warmer Schokokuchen “in Tonkabohnensoße”. Tonka was? Egal. Schmeckt. Nur leider wird das fiese Kalorienzeug in scharfkantigen Blechdosen serviert, dass ich die RGF innerlich beglückwünsche, dass dieses Dinner nicht in den USA serviert wird.
Ich bin dann doch ziemlich zufrieden, weil der Kuchen so gut war, und die Leute am Tisch so nett. Und auch der Burgenländer hat mir gefallen. Ich hab noch einen Fingerbreit drin, und denk mir: “Scheiß drauf, nimm noch einen Kleinen!” Und ich begehe einen folgenschweren Fehler: Ich bitte Blondschöpfchen ums Nachschenken. Fehler deswegen, weil der Nachschub korkt wie ein Parkett vom Praktiker. Grausen.
Ich geb auf – ebenso wie meine Tischgenossen.
Was lernen wir daraus? Zum einen, dass sich jemand, der als Caterer angefangen hat, eigentlich wissen sollte, dass guter Service das Rückgrat eines Dinners ist. Man sollte seine Bedienungen nicht unbedingt nach dem Blondheitsgrad casten, sondern vielleicht nach der Erfahrung, die schon ein bisschen über das Wodkaausschenken auf einem Astafest hinaus gegangen sein sollte. Das ist auch die große Schwäche der ganzen Lifestyle-Läden wie Nektar oder Nero, dass dort lauter Nachtgelichter arbeitet und vom fürsorglichen Umgang mit Gästen wenig Schimmer hat.
Zum anderen muss ich an dieser Stelle mal bemerken, dass mir das ganze Küchengekasper inzwischen gewaltig auf den Sender geht. Wer im “Kochduell” viel Applaus kriegt, muss noch nicht unbedingt gut kochen können.
Das ist visuelle Unterhaltung, Leute!
Und ich brauche weder lautes Clubgedudel noch Zirkusgehampel beim Essen.
Ich will schmecken und mich unterhalten, und keine Reizüberflutung auf allen Kanälen.
Mir ist schon klar, dass Plogstedt das Kochen durchaus gelernt hat. Aber man muss sich heutzutage medial und originell vermarkten. Leider. Da “schreibt” man ein Buch, tritt im Fernsehen auf. Und Die RGF hat – als Leibköche der Toten Hosen und der Ärzte einen Ruf zu verlieren. WelcheN? Nu, das ist die Frage.

Vielleicht ist das die Ursache, dass die Hosen und die Ärzte nur noch schlechte Musik machen.

Aus dem Mailaccount eines Büchergustls – Part 1

Januar 28, 2010 von daherrkoarl

Liegst an der mangelnden Endkontrolle oder taugt das ganze Ding nix?
Kam grade per Mail reingeflattert:

Hallo!
Mein erstes Buch,das auf meiner neuntägigen survivaltour in Nordsumatra
basiert ist erscheinen.

H.J. Bauer*

(*Name geändert)

Auf Angaben über Titel und Verlag verzichtete der Absender selbstredend. Das nenne ich Selbstbewusstsein!

Keine Kufen für die, die sie schufen

Januar 22, 2010 von daherrkoarl

Ja, ich geb’s zu: Es gibt Momente, da bedaure ich es schwer, nicht mehr bei einer Tageszeitung, respektive im Lokalen zu arbeiten. Jüngst geschehen, als ich mich zum Zwecke winterlicher Ertüchtigung und Belustigung ins Eisstadion vom Prinzregentenbad begeben wollte. Da ich ja inzwischen einiges in Sachen Lebensorganisation dazu gelernt habe und nicht wie ein Depp vor verschlossener Tür stehen wollte, besuchte ich zuvor die Homepage der Münchner Stadtwerke.
Doch was musste ich da zu meinem Schrecken lesen: Der gemeine Münchner, so er nicht Mitglied in einem Kati-Witt-Wannabe-Club oder in einem dieser Rabaukenverein der Eishockeyliga, braucht sich unter der Woche nach 16 Uhr gar nicht mehr dort blicken zu lassen. Kein Publikumslauf mehr abends, ausser Freitag, Samstag und Sonntag (und auch da haben sie eine halbe Stunde abgezwickt, nur noch bis 21:30 Uhr).

Bis 2008 gabs noch zwei Abendtermine (bis 22 Uhr), 2009 noch einen (bis 21:30 Uhr), jetzt keinen mehr (bis 15:30 bzw 16 Uhr).
Wie zum Hohn wird auf der SWM-Seite noch auf den Belegungsplan als pdf hingewiesen:

“In diesem Plan sehen Sie die Belegungen der Eislaufbahn durch Schulen und Vereine. Damit können Sie Ihren Eislauf-Aufenthalt optimal planen.”

Welchen Eislauf-Aufenthalt? Leute, ich bin berufstätig! Ich komm nie vor 18 Uhr aus dem Laden, eher 18:30 oder später! Was haben die SWM-Fritzen für Vorstellungen? Am Wochenende ist es dann rappelvoll, eine sportliche Runde kannst du da leider vergessen: Man stolpert eher über Pinguin-schiebende Kinder und ihrerseits stolpernde Rentner, das ist nix. Ausserdem: Am WE kann ich auch an den zugefrorenen See fahren.
Nun könnte man natürlich annehmen: Aha, städtisches Unternehmen, da hört der Duden auf, bevor beim Buchstaben “S” das Wort “Service” drankommt. Aber es ist anders:
Diese Servicefeindlichkeit hat einen wirtschaftlichen Hintergrund.
Ich hab – alter Beschwerdeführer, der ich nun mal bin – gleich beim Prinze angerufen. Ich hatte Glück, ich bekam nicht diese unwirsche Fette an den Apparat, die sonst Saunabesucher von einer Wiederholungstat abschreckt. Stattdessen erläuterte mir ein sehr freundlicher Herr K. mit unverkennbarem Balkanakzent, dass sich so einiges geändert habe, seit die SWM eine GmbH sei. Und es hätten schon etliche Leute angerufen und sich beschwert.

Aha, daher weht der Wind, schon schwant mir einiges. Die Vermietung an einen Verein, das ist eine sichere Sache, “a g’mahte Wiesn”, wie man so schön in Bayern sagt. Sich aber auf die Besucher zu verlassen bringt man mehr, mal weniger Einnahmen, je nach Wetter und Laune der Leute (wobei ich hier feststellen muss: Die Abende im Prinze waren immer voll!!). Da haben die Rechenbürscherl, diese Controller und Buchhalterzipfel, einfach mal eine kühle Rechnung durchgeführt und eine noch kühnere Entscheidung gefällt.

Denn in der Zeitung las man nichts dergleichen, auch bei der SWM stehen unter “Presse” keine Pressemitteilungn drüber. Diese Samtpfotenleiserei hat ebenfalls ihren Grund:

GmbH hin oder her, der Laden ist immer noch ein städtisches Unternehmen. Oder? Wir als Steuerzahler haften, wenn der geschäftsführer mit der Kasse durchbrennt. Wir bezahlen mit unseren Steuern den Unterhalt und den Eismeister, ganz zu schweigen den Bau vom Prinzebad: Den haben wir Berufstätige komplett bezahlt. Und dann sollen wirs noch nicht mal nützen dürfen?

Werden künftig die Kammerspiele auch nur noch an Betriebsgruppen von Siemens und BMW vermietet, und spielen dann auch nur noch die Mainstream-Stücke, die richtig ziehen? Werden von der Stadtbibliothek auch nur noch Stephen King statt Herta Müller, und die kriegt man dann auch nur, wenn man sie least?
Ich gebs zu: Ich ärger mich sehr. Da flackert der Sozialist in mir wieder auf. Das ist nicht in Ordnung. Ich hab jetzt eine Facebook-Gruppe gegründet (Die Eisbahn im Prinze ist für alle da – auch für Berufstätige, da dürft ihr gerne beitreten!!!) und versuch jetzt da ein paar Hebel zu ziehen. Und weil ich schon mal so böse bin: Ich hab mir von den SWM-Dieben SWM-Brüder schon jahrelang das Geld für ihren überteuerten Strom aus der Tasche ziehen lassen, aber jetzt reicht’s, meine Herren!
Grrrr!!

Meine Vorsätze

Dezember 23, 2009 von daherrkoarl

An dieser Stelle vielleicht mal etwas Persönliches.
Denn am Jahresende macht man sich doch immer ein paar Gedanken, mehr noch als sonst, wie der ganze Zirkus hier weitergehen soll.
Auslösend dafür war bei mir eine Mail, die ich vor wenigen Tagen erhielt. Darin fragte mich eine gewisse Dr. Austina Gastig ganz unverblümt: “Sind Sie zu dick?” Ich, ob dieses unhölflichen Einstiegs der Korrespondenz ungehalten, wollte schon an ihre russisch klingende Adresse antworten und protestieren, bis mir einfiel:
Diese Frau Dr. Garstig hat recht mit ihrem Vorstoß.
Anfang Mai hatte ich mir meine Schulter operieren lassen, und was bis dahin an einstigem sportlichen Ehrgeiz noch nicht verloren war (ich war mal richtig fit, hui!), wurde durch mangelhafte Mobilität erstickt. Ich habs wirklich mal probiert, im Juli im Schyrenbad, ehrlich wahr. Das sah so jämmerlich aus, wie beim Marathonlauf der Einbeinigen, dass ich abbrach.
Aber nun krieg ich ihn wieder hoch, den Arm, und weh tut es fast gar nicht mehr. Großes Ziel also: wieder sportlich sein. Was mir dabei entgegen kommt: Thorsten und Katja brechen ihren Landlust-Wohnversuch wieder ab und ziehen wieder nach München – da hab ich meinen Joggingpartner wieder!
Zweites Vorhaben: essen. Aber anständig. Kein Convenience-Food mehr, wenns geht (das hat mir zudem die doofe Pizza, die ich vor zwei Tagen erstand, auch vergällt: Die Dr. Oetker gibts im Discounter ums Eck nur im Doppelpack. Kauf ich sonst nicht, da ich kein Tiefkühlfach hab. Dieses Mal wegen Tiefsttemperaturen doch, um die zweite auf den Balkon zu legen. Doch dann kam der Föhn..). Und auch generell Discounter vermeiden.Früher war das leichter, doch seit sie uns hier in O’giesing den Hertie zugesperrt haben, tu ich mich schwer, einen anständigen Laden zu finden: wo ich politisch korrekte Milch (Berchtesgadener Land) kriege, richtig gutes Steak (Oberbayr. Weiderind von Edeka) und gutes Gemüse. Letzters kommt ja eh aus dem eigenen Garten, aber da muss in diesem Jahr ein wenig wirtschaftlicher die Bebauungsfläche geplant werden!
Und mehr Geld, möchte ich fast hinzufügen: Der Zimmerer und der Architekt haben mir zum Jahresende noch einen deftigen Gruß verpasst. Aber finanziell ist wohl grade nicht viel zu holen: Deutschland hat eine fette Inlandsverschuldung, die Konjunkturlokomotive wird, so sie denn den Berg keuchend hinaufkommt, noch eine Menge Kohlen verheizen.
Aber vielleicht das wichtigste Vorhaben: nicht mehr aufregen. Entspann dich, Herr Koarl! Und regt mich irgendwas mal wieder total auf, dann schreib ichs einfach hier rein.
In diesem Sinne: Prost!

Spa jeder Vernunft

Dezember 16, 2009 von daherrkoarl

Jüngst ereilt mich doch die Kunde, dass im Tannheimer Tal, dem Ort meines journalistischen Tiefpunkts*, nun “Wellness für Kinder” angeboten werde. Es gäbe im “Tanni-Club”, so wird berichtet, allerlei Körper- und Gesichtsbehandlungen für die Kids, fast wie für die Großen: etwa die “Elefantenohrenmassage oder die Braunbärenmaske”.
Sinn und Zweck, erklärt die Pressemitteilung, sei:

So trocknet die Kinderhaut nicht aus, wird feiner und kleine Pickelchen oder Hautirritationen heilen ab. Bei der Elefantenohrenmassage massieren sich die Kinder gegenseitig die Ohren. Das dafür verwendete Zitronenöl regt die Denk- und Konzentrationsfähigkeit an.

Wellness für Kinder? Ja Herrgott. Lass mir doch bittschön die Kurzen in Ruhe!

Ich habe noch kein Kind erlebt, dass unter “Pickelchen” gelitten hätte (zumindest bis zur Pubertät). Und wenns denn Hautirritationen gibt, wäre eine medizinische Beratung oder ein Hausmittel wohl besser angebracht, als ein semiprofessioneller Schlammklatscher. Wenn der Rotzlöffel in der Schul nicht gescheit aufpasst, dann liegt es vielleicht daran, dass ihn etwas anderes mehr beschäftigt?
Ich will jetzt mit meinen mahnenden Worten – bei Gott nein! – nicht etwa zur angeblich heilenden Watschn raten. Aber bestimmt auch nicht zu einer Ohrwaschelmassage.

Worums geht in Wahrheit? Das Konzept der Kinderfreundlichkeit, das im Hotelgewerbe leider nur sehr selten mit dem Wellnessgedanken vereinbar ist (löbliche Ausnahme: Schloß Ellmau), mit selbigem Wellnesskonzept zu kreuzen. Denn normalerweise wollen Spa-Freaks ihre Ruhe, bitte keine rumturnenden, krakelenden Dreikäsehöcher. Wenn die Plagen aber dann selbst beschäftigt sind, frühzeitig mit Pedi-, Mani- und vielleicht noch Nasenhaarküre vertraut werden, geben sie vielleicht endlich Ruhe.
Damit sind die Tannheimer beileibe nicht die einzigen, die diesen Trend aus USA verfolgen. Das Hotel Maritim in Titisee-Neustadt setzt mit seinen Schokobehandlungen auf Beautywellness für gschleckerte Achtjährige, das Sporthotel Stock in Finkendorf (A) bietet in seinem “Girls-Paket” (85 Euro) unter anderem “Maniküre mit Lack sowie eine Gesichtsbehandlung mit Pflegetipps”. Denn, so die Österreicher, “auch Kinder stehen unter Stress und Leistungsdruck”, daher sollten sie im Urlaub auch ein bisschen Wellness genießen dürfen.
Merken die nicht, dass Kinder mit diesen Dingen erst unter Druck gesetzt werden?

Ich selber bin ja großer Wellnessfan. Aber solche Ideen degradieren uns Menschen zu reinen Marketingobjekten, ab der Windel wird man als Konsument wahrgenommen.
Nix dagegen, wenn es den Kids Spaß macht, sich Schlamm ins Gesicht zu schmieren. Von mir aus auch Schokolade. Aber dafür brauch ich kein “Kinderwellness”. Was kommt als nächstes? Das “Büro für Kinder”? “Pornos für Kinder”?
Kinder sind keine zu klein geratenen Erwachsenen – die haben ihre eigenen Bedürfnisse und Spiele. Und das mit dem Erwachsenwerden – mit all seinen Rechten und Pflichten – kommt ohnehin heute viel zu früh. Leider.

Ich hätte große Lust, mal wieder ganz primitiv campen zu gehen, übrigens.
DAS etwa hab ich als Kind innig geliebt!

* Tannheimer Tal: die einzige Pressereise meines Lebens, die ich frühzeitig abbrach und aus Mitleid nicht berichtete, passierte etwa 2006 in Begleitung der Kollegen Rumpf und Braunschläger. Ausgesprochen unfreundliche Unterbringung in einem Haus, wo ab 19 Uhr der Aufzug abgeschaltet wurde und es das lausigste Frühstück westlich des Rio Bravo gab (Wir haben uns revanchiert, indem wir nachts den Hausflur und die Gänge umdekorierten, was zur allgemeinen Vewirrung des Personals führte).
Als Höhepunkt wurde uns – im Namen der Gemeinde – als Stargast der gescheiterte und durchgeknallte Langläufer Johann Mühlegg präsentiert, der aus seinem Weihwasserkessel plauderte. Dann wollte der Langlaufathlet uns Journalisten noch seine Autobiografie andrehen, seine Mutter höchstpersönlich lief mit der Geldkassette rum und kassierte. Ich habe verzichtet.

Obergiesing ist einfach weiter

Dezember 15, 2009 von daherrkoarl

In Obergiesing ist das Kita-Problem längst gelöst: Geöffnet bis ein Uhr nachts können Sie Ihren Liebling dort bringen und abholen wie es Ihnen beliebt. Fläschchen geben Sie dort jederzeit nach Wunsch und Bedarf. Und: Auch Männer sind dort gerne gesehen!

Geh hearst, seid’s ihr deppert?

Dezember 10, 2009 von daherrkoarl

Das war jetzt ein strammer Hansi Hölzel-Overkill die letzten Wochen.
Erst plaudert der Ex-Manager von Falco, Horst Bork, sich einen Wolf über die Jahre mit dem Wiener Genius, dann rückt auch noch Warner mit einem – jetzt ganz zufällig bei einem Wasserrohrbruch entdeckten – Spätwerk des österreichischen Sängers an.
Der würde dazu wohl nur sagen: “Geh hearst, wollts ihr mi pflanzen?!”

Ich hab mich auf jeden Fall – als Kind der 80er und auch Fan von Falcos-Feudalschmäh – flugs durch Borks Werk (“Falco – Die Wahrheit”, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 19,90 Euro) geackert. Aber ganz ehrlich: Ich hab praktisch nichts drin gelesen, was ich nicht schon wusste oder mir zumindest so vorgestellt hab. Falco soff, schnupfte, hurte gelegentlich, hatte ein schlechtes Händchen bei den Frauen, aber dafür sich selber nicht im Griff. Alles bekannt. Und langweilig geschrieben ist es auch noch.
Liegt das dran, dass das Leben des Sängers posthum so ausgeleuchtet wurde? Oder weil er so exhibitionistisch lebte? Oder weil es einfach keine große, überraschende Wahrheit zu berichten gab? Hmm. Was ich nicht wusste, dass der Mann ein Duett mit Madonna sausen ließ und Richard Branson mehrfach versetzte, obwohl der einen Sechs-Millionen-Dollar-Vertrag mit ihm machen wollte. Aber das ehrt den Falco in unserer zieloptimierten Unterhaltungswelt durchaus. (Dass er aber seine Songwriter Bolland & Bolland so mies behandelte, hat mir jedoch nicht gefallen, wenngleich das auch wenig überraschend für die alte Koksnase war.)

Na gut, dann kam ich auch nicht umhin, die angeblich verschollenen Falco-Tapes “The Spirit Never Dies” mir anzuhören, hab sie sogar – ganz stilecht 80er – auf Viva als Video angesehen.
Die Tagespresse hat die Platte verrissen, und ich muss sagen: Recht hatte sie! Selten so einen Dreck gehört, zusammengeschustert aus Soundfetzen (im Video dann Bildfetzen), die der Maestro wohl eher aus Versehen aufgenommen hat, mit einigen Sound- und Rhythmuselementen aus der Technomottenkiste aufgemischt. Sieben Stücke akustischer Leichenfledderei, die sich anhören, als würde DJ Bobo den Kamerad Scooter durch dessen vollgekotztes Megaphon covern.

Zu allem Überdruß (ich war grade so in Falco-Fahrt) musste ich mir dann noch den Film “Verdammt, wir leben noch” von 2008 anschauen. In dem Wissen, dass der Hölzel mal unter genau diesem Titel Dreharbeiten gemacht hatte, erwartete ich ein paar alte Aufnahmen – Pustekuchen. Pustekuchen! Ein ganz schlimmer Streifen: Sieht nicht aus wie Falco, hört sich nicht an wie Falco, und erzählt wird, na, die altbekannte G’schicht.
Eine lustige Stelle hatte der Film aber doch: Als Falcos Manager beim Sender Ö3 sitzt, seine (noch unbekannte) Platte “Der Kommissar” laufen lässt, zeigt man sich dort wenig begeistert:

Redakteur: “Also, i waas net – wia haaßtn der überhaupt?”
Sekretärin (liest von der Singe ab): “Falzo!”

Das wiederum, hätte wahrscheinlich den Hans Hölzel gestört.

Matte Lektüre, Weinführer II

Dezember 9, 2009 von daherrkoarl

Nachtrag zum Thema Weinführer-Bashing:

Ein Werk, das in keiner Bibliothek des unnützen Wissens fehlen sollte:

“Die 400 besten Weingüter der Schweiz” (Füsseli, 29,90 Euro). Geschrieben von Wolfgang Fassbender, auch genannt “Krusty der Weinclown”.

Zum einen, weil bei den 400 beschriebenen Gütern das Winzerkontingent aller Kantone komplett ausgeschöpft sein dürfte, zum anderen, weil der Schweizer Wein ja für seine Tropfen internationalen Rangs eeecht unerreichbar ist. Fragt man sich nur, wie lange Krusty für die Recherche gebraucht hat.

Pizza Metallica

Dezember 7, 2009 von daherrkoarl

Als es bei mir (vor, ich glaub, es waren nur 25 Jahre ) mit dem Abends-Weggehen losging, gabs eigentlich nur das Modell der Polyfunktions-Kneipe: zugleich Café, Esslokal, Trinkhalle, Bar, Bühne und Wärmestube. Mit einem unglaublich heterogenen Publikum: Punks, Schniegelboys, Ökos, Rockschlampen, alle gingen in die selben Läden – ein Phänomen, das man heute eigentlich nur noch auf dem Land erlebt.
Ich kann mich noch gut erinnern, da hat mich mein Bruder Paul (ich war so etwa 14) abends in Regensburg mal mit ins “Namenlos” in der Rote-Löwen-Straße mitgenommen (aus den einstigen studentischen Kneipenbetreibern sind heute schwerreiche Gastro-Tycoons geworden): Ich war stolz wie Oskar (Danke, Paul!) Es gab Spaghetti Bolo für fünf Mark, eine Jukebox wollte bedient werden und man trank Weizenbier (Welches man nach dem Anstoßen unbedingt erst mal am Tisch abstellen musste, sonst folgten Sanktionen!). Wir hatten kaum Kohle auf Tasche, aber was zu Futtern leistete man sich doch gern hie und da. So weit verbreitet der Begriff “Bar” heute ist – das gab es damals gar nicht, das war nur für alte Puffpenner reserviert.

Und heute? Wird abends in den Läden eigentlich nur gesoffen. Außer, man geht richtig Essen. Im “Netzer”, im “Schwarzen Hahn”, überall spielen Studentenbubis den Bukowski von der Au, man raucht wie einst nur Krupp in Essen. Ansonsten hole sich einen Döner, wer hungrig ist. Essen ist heute im Kneipenleben eine eher unsoziale Angelegenheit.
Na gut, und nach langer Vorrede: Es gibt wieder einen Laden zum Futtern UND Weggehen. In München. “Santo Anger” nennt er sich, in Anlehung an Metallicas achtes Studioalbum. Untertitel: “Punkrock Pizzeria”. Sehr passend.
Auch, wenn es bei mir nach meinem ersten Besuch ordentlich im Gekröse rumpelte (ich nehme an, das lag nicht am Essen, denn meine beiden Begleiter hatten keine Beschwerden), mein Urteil:
ganz lieb!
Es gibt zwar nur acht Pizzen im Angebot, aber das reicht ja auch, oder? Die schmecken ausgesprochen lecker, und das Kneipenambiente schafft ein starkes Sofagefühl. Auch, dass die Bierkarte um einiges länger als die Weinkarte ist, bewerte ich als korrekt und sehe es dem Umstand geschuldet, dass man zu Kaiser Chiefs, Dinosaur Jr. und Motorkopf halt lieber ein Helles zischt als versonnen an einem Merlot zu lutschen. Nen anständigen Espresso bringt der Bub hinterm Tresen auch hin.
Laut Internet sollen in dem Laden auch Darbietungen stattfinden, u.a. soll – so ist der Heimatseite zu entnehmen – am 23. Oktober eine Burlesque-Show mit drei drallen Mädels im Santo Anger gewesen sein. Hab ich nicht gesehen, leider.
Zu verdanken ist der Laden dem Bernhard, der mit seiner reizenden Schwester Angela das “Jennerwein” in der Belgradstraße betreibt, wo ja auch viel für die Jugendkultur geleistet wird.
Macht auf jeden Fall viel Spaß! Ich glaub auch nicht, dass zwangsläufig da jetzt eine weitere überfüssige Entertainmentgastronomie entsteht (etwa “Punkrock Palazzo”) Und ich hoffe, Ihr geht da alle zahlreich hin! Damit das Ding nicht gleich wieder eingeht und – was die weit schlimmere Vision wäre – die ganzen Studentenspacken den Laden nicht übernehmen!

Schwach, Matt!

Dezember 4, 2009 von daherrkoarl

Plopp macht es, Flasche auf, Dämon raus und geht nicht mehr rein.
Matt Skinner, seines Zeichens Sommelier und Adlatus von Kochpunk Jamie Oliver, hat zugegeben, dass er in seinem neuen Weinbuch “The Juice 2010″ Weine empfiehlt, die er überhaupt nicht probiert hat.

Drauf gekommen ist ihm der neuseeländische Weinschreiber Michael Cooper. Der konnte nachweisen, dass Skinner zum Zeitpunkt des Drucks seines Buchs den aktuellen Jahrgang einen bestimmten neuseeländischen Weins noch gar nicht probiert haben konnte. Konsequenterweise gab Matt die Flunkerei zu, mit dem Hinweis, manche Tropfen seien eben so beständig in Sachen Geschmack, dass er sie mit reingenommen habe, ohne sie zu testen. Weil er annahm, dass sie seine Leser interessierten.
Dummerweise schrieb er aber kürzlich auch in einer Kolumne der britischen “GQ”:

“Man darf nicht vergessen, dass jedes Jahr anders ist und dass zwei Jahrgänge – auch an genau demselben Punkt der Erde – niemals den selben Wein hervorbringen.”

Der Flurschaden ist immens. Im Internet wird schon gepostet: “Matt Skinner is a cheat!”, ein Betrüger. Man brauche “mehr so aufrechte Leute wie Michael Cooper”! Skinners Vorjahres-Buch “The Juice 2009″ ist bei Amazon (gebraucht, in gutem Zustand) in UK bei mikroskopischen 0,01 Pfund angekommen.

Ich habe Matt Skinner vor ein paar Jahren kennen gelernt, als er auf Tour für sein Buch “Weine – just a drink” (Gräfe & Unzer) in Deutschland auf Tour war. Ich war von ihm nicht beeindruckt, aber angetan. Er hatte, so schien es, seine Sätze für das Interview gut gelernt: Eine gewisse Restspontanität war vorhanden, ansonsten verlief das alles wenig überraschend und wiederholte sich dann in anderen Mediengesprächen wieder.
Aber mir gefiel seine lockere Art, mit dem ehrwürdigen Thema Wein umzugehen. Er verzichtete auf großspuriges, steifes Gefasel, das leider allerorten für Schwellenangst sorgt. Denn, Herrgottnochmal, kann man nicht einfach sagen: “Geiles Zeuch, schmeckt mir, auch wenn du’s Scheiße findest!”
Aber der Mann hat einen großen Job. Er leitet die Oversea-”Fifteen”-Restaurants von Jamie, muss – genau wie sein Boss – eine gewisse mediale Repräsentanz hinlegen, da ist der jährliche Weinführer fast schon ein Muss. Schwierig, das zeitlich zu schaffen.
Bei der Loha-Gemeinde – die ja letztlich die wichtigste Klientel von Jamie und Matt darstellt – dürfte der Sündenfall für starke Irritation sorgen. Denn es ist genau jenes Verbürgen “Probier das, Mann, das ist ok”, das die Leute bei dem Duo schätzen. Und da hat nun leider das Glas einen Sprung.
Die Leute werden sich fragen: Ist das denn alles Jamie Oliver, für das wir hier teuer bezahlen? Denn dass der Meister – wie auch Nobu, Adria undundund – in seinem Filialen sich nur selten blicken lässt, ist ohnehin kein Geheimnis. Es wird auf die Vermartkungsmaschinerie des TV-Kochs möglicherweise ein schlechtes Licht werfen (Jamie Oliver vertreibt seit kurzem eine Art Edel-Covenience-Food-Linie, erhältlich bei gourmondo.de). Denn der Mann ist schon lange kein Küchen-Rocker mehr – Jamie Oliver ist eine Marke.

Vielleicht aber – und jetzt kommt die gute Seite – erhellt die Geschichte ein wenig das Dunkel im Gestrüpp der Weinführer. Robert Parkers Seriösität wurde schon diverse Male in Frage gestellt, u.a. von seiner Ex-Mitarbeiterin Hanna Agolstini (deren Vorwürfe, etwa das Parker nur sieben Tage pro Jahr in Frankreich sei, konnte sie jedoch nicht belegen).
Die meisten Weinführer sind meiner Ansicht nach – mit Verlaub – großer Mist. Denn sie beruhen auf individuellen Geschmackerfahrungen. Wie kann ich (wie Matt Skinner) schreiben: “100 Weine, die Sie getrunken haben müssen”? Sie zwingen dem Leser (wie Parker seine fetten Marmeladentropfen ) individuelle Vorlieben auf.
Das Schlimmste, was ich dieser Tage in die Hand bekam: “Super Schoppen Shopper 2010″ von Cordula Eich (9,95 Euro). Im Fokus: Billigweine bei Discountern, alles zwischen 1,29 und 3,99 Euro. Die Autorin behauptet, sie habe 1000 Weine probiert, und alle im Fachlabor analysieren lassen. Leider konnte ich im Buch keinerlei Spuren einer Laboruntersuchung finden. Von dem “geprüften Weinkundler”, der ihr assistiert habe, lässt sie uns nicht mal den Namen wissen.

Leseprobe, ihre Meinung zu einem Müller-Thurgau von Netto, Baden, Qualitätswein, Literflasche (sic!), 2009, 1,99 Euro: Die Dame vergab vier Gläser, die zweitbeste Beurteilung:

“Die badische Sonne strahlt in diesem Wein! Der kleine Schuss Kohlensäure macht ihn herrlich frisch. Kleinen Vorrat anlegen, damit der Nachbar nicht alles wegkaufen kann.”

Das werd ich sicherlich nicht machen, bei dieser Winzergenossenschaftsplörre (über die Erzeuger verliert die Autorin übrigens generell kein Wort).
Muss man so was lesen, haben wir Zeit für so was? Eigentlich sollte man sich lieber Gedanken machen, wie das gehen kann, 0,7 Liter eines aufwändig produzierten Lebensmittels für 1,99 Euro: Dass da die Qualität leidet, der Produzent unter Druck gerät, auf jeden Fall irgendwas faul sein muss, da muss ich kein VWL-Studium hinlegen, um das zu merken.
Und dass es bei den heutigen Abnahme- und Lieferverträgen zur “wundersamen Weinvermehrung” von prämierten Tropfen kam, haben die Kollegen von der FAZ schon bravourös bewiesen! (Sehr lesenswert, ich gebe zu, ich bin seinerzeit auch auf das “Naumachos”-Angebot bei Aldi reingefallen!)
Sicher: Man kann ja mal ein Fläschchen von Aldi mitnehmen, kann auch mal lecker sein. Aber ansonsten ist das Leben zu kurz für schlechte Drinks und unseriöse Weinführer.

Nachtrag:
Ein Kommentar, den ich im Internet gefunden habe, hat mir sehr gut gefallen.
Nils Stormby aus Malmo, Schweden, schreibt:

“I am always ready to recommend Latour without having tasted it!!”