Der Super-Gault

November 17, 2009 von daherrkoarl

Gestern abend großer Showdown der Esser- und Trinkerszene im Münchner Hotel Königshof: Alle besseren Kochlöffelschwinger waren da, um die Präsentation des neuen Gault Millau-Gastroführer (christian-Verlag, ca. 30 Euro) zu erleben.

Im Vorfeld gab es ordentlich Rabatz. 14 Spitzen-Winzer hatten zum Boykott gegen den gleichnamigen Weinguide aufgerufen, nachdem ihnen vom Verlag ein obskures Marketingpaket angeboten worden war: Für 195 Euro jährlich zwei Freiexemplare und allerlei Firlefanz, was in die Richtung „Zahl mich und ich erwähn dich“ ging. Chefredakteur Armin Diel musste seinen Hut nehmen – ob er der Urheber der Geschäftsidee war, ist unklar. Riecht jedenfalls alles schwer nach Bauernopfer.

Na egal, gestern hatten sich alle wieder lieb, der Ärger war längst mit eine Schluck Riesling runtergeschwemmt.
Sogar Alfons Schuhbeck hat seine weiße Uniform (mit der er wahrscheinlich auch schläft, wenn er denn mal schläft) gegen einen grauen Anzug getauscht und spielt heut mal Gast.
Bei mir am Tisch: Stephan Geisel von den Geiselhotelgangstern, Harald Wohlfahrt von der Traube, der von mir verehrte Fritzchen Keller („Schwarzer Adler“, Oberbergen) ist leider nicht da, hat aber sein Sommelier-Wunderkind Melanie Wagner geschickt. Dann noch ein paar Italiener mit Gaunergesichtern sowie Kollegen von der Bild und der Bunten. Und einen Schreiber, den ich nicht kenne. Scheint ein gewichtiges Kaliber zu sein, weil er dauernd davon quatscht, wieviel Asche er mit den Büchern gemacht habe, die als Zweitverwertung seiner Zeitungsgeschichten entstanden.

Stephan Geisel entpuppt sich als ein gewitzter Typ mit Weinverstand und Lausbubencharme, freut sich über den Mehrwertssteuernachlass von Westerwilli. Warum sein Vetter Otto jetzt bei Slowfood den Büttel hingeschmissen hat, kann er mir jedoch auch nicht beantworten.

Auch Harald Wohlfahrt ist nett. Echt. Etwas schüchtern vielleicht, und mit einer gewissen Portion unfreiwilliger Komik ausgestattet. Beispielsweise erzählt er mir mit badischem Charme über den Gastrodichter Jürgen Dollase von der FAZ:

„Des isch ja schon erstaunlich, der kommt ja gar nicht vom Fach. Eigentlich e Musiker, der het bei der Band „Wallenstein“ doch Skateboard gespielet.“

Geiler Satz, oder?

Mit Köchen unterhalte ich mich immer gerne, denn die wissen viel (außer von Jugendkultur) und labern weniger rum. Wohlfahrt etwa spricht (wenn er denn spricht, denn meistens summt er eine undefinierbare Melodie) mit sehr viel Hochachtung über die Kollegen. Sogar über Ferran Adria, den er jedoch nicht als besten Koch der Welt anerkennt.
Wohlfahrt ist heute hier, weil einer seiner Schüler, der 39-jährige Wahabi Nouri (Piment, HH), als Koch des Jahres geehrt wird: Gelobt werden Nouris kulinarischen Anspielungen auf seine afrikanische Herkunft (dabei schrappt der Laudator in seiner Rede nur knapp am N-Wort vorbei, „Buschtrommel“ fiel schon – Nouri ist Deutsch-Maorokkaner!).

Was leider nicht zur Sprache kommt an dem Abend, aber nachzulesen ist im Gault Millau: Nils Henkel und noch ein paar Köche haben einen Punkt verloren, weil sie Heringskaviar verwenden. Für Laien: Das ist Fischabfall mit dem Tapetenkleisterbestandteil Xanthan. Also richtig bäh. Recht so!
Auch Johann Lafer verliert zwei Punkte, weil sein Essen nach gar nichts schmeckt.
Insgesamt ist das die Stärke vom Gault Millau: den Köchen eins auf die Kochmütze zu geben. In seiner Verrißqualität ist der Führer mindestens so kreativ wie die Männer hinterm Herd.

Kleine Leseprobe über „Ederer“ in München:

„Leider kommen die Gerichte nicht aus dem Automaten, sondern aus einer Küche, bei der wir uns des öfteren fragten, was Ederers Köche wohl von Beruf sind?
Protokoll unseres letzten Essens beim kunstsinnigsten Koch der Stadt: Die gebratenen Calamare à la älteres Gummigetier wurden von Rucola und einer Avocado/Kürbis-Terrine begleitet, die wohl jedes Convenience-Unternehmen besser bietet (…) Als unfehlbare Wunderwaffe zur Gästeabschreckung kam „Grüner Spargel mit poschiertem Ei und Butterbröseln“: der Spargel von erlesener Labbrigkeit, das pochierte Ei eine Stümperei (mit der jeder Lehrling bei einer Gesellenprüfung durchfällt).“

Undsoweiter.

Klar, das ist schon ziemlich böse. Soll aber dazu dienen, dass sich was ändert. Dass der Gast bei der ganzen Asche, die er im Lokal lässt, auch was Feines bekommt. Manchmal denke ich, die Gault Millau-Kritiker sind die letzten wahren Journalisten…seufz.

Und die Journalisten, die heute hier sind? Die bei mir am Tisch belabern Melanie Wagner, die heute abend zur Sommelier des Jahres gekürt werden wird.
An dem Mädel hat Fritz Keller ein echtes Schätzchen: Blutjung, viel Ahnung von Wein, sieht auch ganz reizend aus und ist mit ihrer diplomatisch-charmanten Art sehr überzeugend.
Und sie mag Schokolade: Während sich nämlich die Herren von der Presse – jeder von ihnen weit jenseits der 40, übergewichtig und fettlippig – um die junge Frau Wagner scharen wie die alten Raben um den Käse, verspeist sie schweigend das Dessert von dem Bild-Mann. Der Bunte-Typ faselt von seinen zweifelhaften Kochversuchen, der Unbekannte wagt einen Anbiederungsversuch, indem er behauptet, das „Badnerlied“ als Handyklingelton zu haben. Der Bildmensch sagt nix, sondern leidet still unter seiner Rosazea (kann aber auch sein, dass die rote Birne vom Saufen herrührt).
Ich bin echt fasziniert.
Frau Wagner schmeckts, sie schweigt und lächelt orakelhaft – die Presseonkels langweilen weiter mit ihren gefühlt zweistündigen Monologen vom Krieg. Die Italiener fühlen sich unbelauscht und lästern auf Italienisch über den Bordeaux (der übrigens fantastisch schmeckt). Paula Bosch kommt vorbei, umarmt uns alle, als ob wir Kindergartenkumpels wären. Und Harald Wohlfahrt summt. Seltsame Tischgesellschaft.

Für mich dann am Ende das Highlight des Abends: Manfred Friedl, der seinen Berufsweg vor 50 Jahren als Page im „Königshof“ begann und dort immer noch robotet, wurde zum Oberkellner des Jahres gekürt. Ein klein wenig Anerkennung für einen von denen, die es jeden Abend mit diesen Feinschmeckersnobs aushalten müssen.

Der geheimnisvolle Mr. Obx

November 13, 2009 von daherrkoarl

Als Regensburger oder Exil-Regensburger kommt man nicht ganz umhin, gelegentlich in die Mittelbayerische Zeitung, kurz „MZ“ zu schauen. Hiesige schimpfen seit Jahren drauf, sind aber ob der schmalbrüstigen Konkurrent („Rundschau“, „Wochenblatt“, „Stadtzeitung“) doch meist gezwungen, sich über lokale Geschehnisse und Veranstaltungen damit zu informieren. Denn das stemmt dann die ferne Süddeutsche leider gar nicht (interessiert dort in der Bayernredaktion in persona Annette Rammelsberger leider auch kein Fünferl).

Als Exilant betrachtet man die MZ mit einer Mischung aus Belustigung und Wehmut (besonders, wenn man einst für das Blatt geschrieben hat). Und liest, was die in der Margaretenstraße so zusammenschustern: kleine Manpower, große Klappe, schmale Spur, so lautet dort die Devise – wie leider heute bei vielen Lokalzeitungen, wo die Verleger-Generation der BWL-Flanellmännchen das Ruder übernommen hat.

Nun gut. Doch da gibt es seit geraumer Zeit einen Mitarbeiter, von dem man immer wieder liest: ein ganz ein fleißiger und dennoch bescheidener Kamerad, der immer nur sein Kürzel drunter setzt: „obx“. Der Mann schreibt über den Karpfen in der Oberpfalz, über den bescheuerten gut gemeinten Weinanbau an der Donau oder den erfolgreichen Betonbauer aus Neumarkt.
Ist er Ihnen auch schon aufgefallen, der „obx“? Wie wird der wahre Name des geheimnisvollen MZ-Mitarbeiter wohl lauten: Oliver Bixenheim vielleicht? Oder ist es der Obermaier Xare? Vielleicht auch Omar Bin Xraxa, der aus einer tunesisch-baskischen Familie stammt?

Nichts von alledem. Hinter „obx“ steht die PR-Agentur NewsWork. Die in diesem Fall unter Bezahle des Tourismusverband Ostbayern recherchiert, schreibt und den Zeitungen anbietet. Und die drucken das dann. Seht selbst hier!
Wenn Sie also etwa ein Freibad besitzen und das im Winter schlecht besucht ist, rufen Sie einfach NewsWork an: Die produzieren Ihnen auf Wunsch den Text, dass es total geil und trendy sei, sich im Dezember im Hinterhuber seinem Odelteich den Arsch abzufrieren. Die machen das für Sie. Hauptsach, zahlt werd!
Und dann gehen die hin zur Mittelbayrischen, zum Straubinger Tagblatt oder zur Passauer Neuen Presse, und bieten denen den Text an.
Bis hierher ist das ja auch alles ganz legitim.
Doch wenns dumm läuft, müssen Sie dann tatsächlich im Dezember nochmal Chlor reinschmeißen, in ihre verpieselte Brühe: Weil diese Zeitungen die Texte von „obx“ auch abdrucken. Wörtlich.
Was mir damals in der Regensburger Lokalredaktion der Vorzeige-Lokaljournalist Peter Brielmaier selig links und rechts um die Ohren gehauen hätte, findet jetzt bei der MZ seinen anerkannten Platz im Blatt. Weil billig ist und einfach geht.

Das raubt einem doch alle Illusionen, oder?
Könnt ich mich schon wieder aufregen!!

PS: PR ist wie Semmelbrösel: Das macht ein Schnitzel erst richtig knusprig. Wenn aber in den Fleischpflanzl nur noch Semmelbrösel drin sind, schmeckts fad.

Von Fischen und Mädchen

November 3, 2009 von daherrkoarl

fischkl

Wenn ich morgens im Büro Pakete bekomme, die brettflach, aber fast türblattgroß sind, weiss ich: Das nächste Jahr steht vor der Tür.
Denn dann kommen wieder die Kalender, einer schöner als der andere.
Vielleicht habt ihrs ja schon gemerkt: Es gibt heutzutage für keinen Hersteller, egal ob Kettensäge, Melkmaschine, Handtelefon oder Haarföhn, ein anderes Thema mehr als – na? – Erotik.
Früher hat sich das in der Industrie eigentlich nur Pirelli getraut: Der Kalender war Kult, nicht im Handel erhältlich. Der Rest begleitete unser Jahr entweder mit seinen abgebildeten Produkten (gleich wegwerfen, außer von Motorradmarken), Landschaftsbilder (ab in die Garage oder Omas Kammer) oder Aquarellen (in Flur hängen) oder Landschaftsaquarellen (zum Teufel jetzt!).
Dann kam Manta’s Paradise D & W-Kalender. Bald Lavazzas Kaffeetantenkalender, halberotisch. Dann irgendwann der Jungbäuerinnenkalender, dicht gefolgt vom Jungbauernkalender. Feuerwehrfrauenkalender. Hab ich was vergessen?
Ein Autor aus Berlin belästigt erfreut mich auch jährlich mit seinem Vespa-Kalender: wunderschöne alte Roller, toprestauriert. Nur thronen leider garstige Schnepfen aus dem Wedding drauf, bis zur Unkenntlichkeit gepierct: ein Wunder, dass die überhaupt richtigherum draufsitzen.
Ich kann mich auch lebhaft erinnern, wie Kollege Rudi Raschke und ich uns vor einigen Jahren mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu am Anglerkalender von Zebco, einem Spulen- und Rutenhersteller (ja, ich weiß, hahaha) ergötzten. Barbusiges Weibsvolk mit einem fetten, schleimigen Karpfen unterm Arm oder im Schritt. Gefühlte 100 Kilo-Maiden, die mit ihren feisten Backen fischschuppige Haut umhüllten – praktisch so ne Art „Forelle im Speckmantel“. (Wer diesen Kalender jetzt nach diesen verkaufsschmeichlerischen Worten unbedingt haben muss: Hier wohlfeil! Für 15,90 Euro!).
Nachdem mir Angler als eine meist recht nerdische Zunft bekannt sind, dürfte diese Art von Erotik in dieser Gemeinde jedes Jahr für Begeisterung sorgen (der medizinische Fachausdruck für diese sexuelle Abart lautet wahrscheinlich „Piscophilie“).

Na gut, und heut morgen war wieder so ein Trumm in der Post. Dann, die Überraschung! Das, dachte ich mir, glaubt mir keiner!
Dixi-Klo bzw Toi Toi-Chemietoilette (ist die selbe Firma) hat einen eigenen Erotik-Kalender!
Zu meiner Überraschung wurden die recht adretten Damen keineswegs beim Stuhlgang in den fabelhaften Plastik-Häusln der Firma abgelichtet. Sondern als Meerjungfrau (schon wieder ein Fisch! Scheint recht viele Piscophile bei uns zu geben. Was sagt der Tierschutzverein?), dann im Dschungel, in der Dusche, im hüfthohen Meer undsoweiter. Mit dem originellen Titel „Feuchtgebiete“.
Doch recht wenig lebensnah, oder? Es wurde, wie ich aus der Pressemitteilung erfahre, auf Mallorca, in Granada und am Hintertuxer Gletscher geknipst.
Wär das mein Laden, würde ich da fotografieren, wo DIXI auch stattfindet: die Grungelady am Nürburgring, die Metal-Schlampe in Wacken, die Gothicpuppe am Leipziger Völkerschlachtsdenkmal und die Ravemieze in der Dortmunder Westfalenhalle.
So USP-mäßig. Aber mich fragt ja keiner.

Lärm and the City

Oktober 28, 2009 von daherrkoarl

Seit Jahren hab ich beim gelegentlich werbeverseuchten Gmx meine private Mailadresse. Allerhand hab ich mitgemacht: Die Phase der ewigen Pop-ups, das absichtliche Verrücken der Website damit man beim Einloggen aus Versehen auf Werbung klickt, nicht mal die tausendfache Verarsche „Sie haben gewonnen! Keine Verarsche!“ hat mich abschrecken können.
Bis jetzt.
Aber jetzt haben sich die Businesskasper von Gmx eine neue Nervtöterei einfallen lassen: Beim Ausloggen gehen unter ohrenbetäubendem Lärm ein Video los. Irgendein blöder Ballerfilm „Redemptionwasweißich“, oder eine Rotpulloverschnecke, die mir Ahnungslosem irgendwas lautstark aufschwatzen will. Und ich sitz da wie ein verschrecktes Karnickel.

Nee, das nervt, Leute. Ich habs Euch schon gemailt (meine Süße sagt eh, ich werde mal als notorisch Leserbriefschreibender Rentner enden), mal sehen ob sich was ändert. Wenn nich, will ich auch nicht mehr der Gmx von München sein!

Absurd am Rande: Gerade seit gestern steht auf der Gmx-Seite eine große Geschichte über Lärm und wie schädlich der ist.

Der Twitter unter den Startups

Oktober 27, 2009 von daherrkoarl

Heute morgen erhielt ich eine Pressemitteilung mit dem Titel „Das Leben ist kurz – Angriff auf Facebook“.
Der Inhalt: Zwei Herren aus Drolshagen (das ist irgendwo bei Olpe, was wiederum irgendwo bei Siegen ist, was wiederum die Heimat von „Extrabreit“ war, – nachträglich berichtigt nach sehr wahrem Einwand von Turnvadder Raschke – das wiederum 83 km von Hagen entfernt liegt, was die Heimat von Extrabreit war! ) machen sich auf, Facebook davidesk zu schlagen.
Die Steinschleuder, mit der sie das anstellen wollen: Die User Ihres neuen Netzwerks Koobloo dürfen jetzt nur immer acht Minuten eingeloggt sein. Ihre Firma setze damit „neue Maßstäbe“, denn das „Leben sei kurz“. Man wolle die Mitglieder ins Leben zurückführen.

Wahnsinnig geile Idee. Das ist, als ob ich einen BMW nachbaue, ihm aber nur einen Smart-Motor einbaue, damit nicht so viele Unfälle passieren. Ein Kassenschlager. Bin gespannt, wie lange die durchschnittliche Verweildauer der Mitglieder, die sich ständig neu einloggen müssen, beträgt.
Die Herren haben irgendwie die Internetidee nicht ganz verstanden. Ich bleibe nur acht Minuten, wenn ich das WILL und nicht, wenn mir ein autoritärer Plattformbetreiber das VORSCHREIBT.

An Selbstbewußtsein haperts den Schöpfern jedoch nicht:

Geschäftsführer und Mitgesellschafter Danijel Kupceric: „ Als wir vor einem Jahr mit KOOBLOO an den Start gingen, haben wir niemals damit gerechnet, dass unsere Mitglieder die Idee, innerhalb von nur 8 Minuten sich zu treffen und zu verabreden, so gigantisch annehmen. Man sagt uns nach, der Twitter unter den Lifestyle Communitys zu sein und somit wahrscheinlich die mit Abstand meist wachsende Internetplattform.“

– Wie jetzt: Wenn ihr der Twitter unter den Lifestylecommunitys seid, wer ist dann das Facebook unter den Netzwerken?
Was muss ich tun, damit ich der Xing unter den Münchnern werde, oder wenigstens der Ebay? Oder reichts noch für einen GMX?

Übrigens: Google braucht nicht mal acht Minuten für Koobloo. Nach 0,36 Sekunden ist es damit fertig, und spuckt gerade mal 5.170 Ergebnisse aus.
(Zum Vergleich: Bei Facebook sinds 1.810.000.000). Eindeutig K.O. für Koobloo.

Der Volks-Blog

Oktober 26, 2009 von daherrkoarl

Heutzutage hat ja jeder Trottel einen Blog. Sogar so einer wie ich. Das bringt mir kein Geld ein, tut aber auch keinem weh.
Kritischer wirds dann schon, wenn sich BILD-Chefredakteur Kai Diekmann so ein Plaisierchen zulegt.
Denn: Was sich in seinem Blog abspielt, hat schon wieder so einen perfiden Beigeschmack. Man muss ja auch verstehen: Seit geraumer Zeit turnen ihm Niggemeier und Schultheis mit ihrem Bildblog im Pelz rum wie bekiffte Läuse, und halten ihm in Beisein der Welt munter vor, was seine Zeitung schon wieder verkackt hat.

Und nun der Diekblog. Die Kollegen von SZ, taz usw feixen, aber Diekmann ziehts eisern durch. Mut hat er, das muss man ihm lassen. Oder ist er bloß schmerzfrei?
Was schon mal extrem auffällt: Die Wörter „ich“, „mein“, und „mich“ kommen ungefähr so häufig vor wie “ I“, „my“ und „me“ in den Memoiren von Paris Hilton. Da fragt man sich dann schon, ob ihm seine Benimm- und Deutschlehrerin in der Schule nicht oft genug die Ohren lang gezogen hat. Und ob er das mit dem Blog nicht irgendwie falsch verstanden hat.

Weiter gehts: Kai Diekmann interviewt Kai Diekmann, mit einem Foto, auf dem der Meister sich mit seinem Spiegelbild unterhält. Ich finde, das sagt eine ganze Menge über die Welt- und Menschen-Sicht eines der größten Meinungsmachers der Republik.

Absurd wird es dann, wenn der Mann den Fußraumteppich seiner Zeitung an der Internettanke ausschüttelt: Sachen, die ihn wohl schon länger oder kürzer wurmen und die er im Blatt nicht so richtig bringen kann.

Da zerrt er etwa die alte Geschichte von dem angeblichen Schlagstock, mit dem Jürgen Trittin 2001 in die Ecke der radikalen Autonomen gerückt wurde; ein Schlagstock, der sich hinterher als Seil entpuppte (nachdem „Bild“ das Bild einfach woanders abgescannt hatte).
Da heißt es:

Am meisten dürfte Jürgen Trittin gejubelt haben. Die Diskussion um seine Vergangenheit hatte sich schlagartig erledigt. Mir blieb nur, mich sofort bei ihm zu entschuldigen – was er mir allerdings nicht sehr leicht machte. Er ließ mich drei Tage warten, bevor er meinen Anruf entgegennahm…

Dieser Satz, so finde ich, zeugt von grenzenloser Sellbstzufriedenheit. Wäre der in einem Beichtstuhl gefallen, hätte es auch mit hundert Vaterunser keine Absolution gegeben!

Oder die Presseratsbeschwerde von Bauernkupplerin Inka Bause, die das – durchaus ehrenwerte – Anliegen hatte, dass die Opfer bei dem Attentat auf Königin Beatrix in „pietätloser Weise“ gezeigt wurden (Ich hab übrigens als Volontär noch gelernt, dass man in der Zeitung keine Leichen und auch keine Suizidopfer zeigt.)

Kai Diekmann dokumentiert in seinem Blog nun den ganzen Beschwerdevorgang, zeigt Originalmais und -briefe, um – na, um was eigentlich? Dass Inka Bause letztlich doch keine Eier hat, weil sie in einem persönlichen Brief versucht, ihre Beschwerde zu erklären? Oder dass er wie immer nix dafür kann?

Can’t help, aber das wirkt so derartig kleinlich. Dieses weinerliche Nachtreten vermittelt einem das Gefühl, Kai Diekmann sei schon lange nicht mehr in den Arm genommen worden. Kann sich mal jemand erbarmen?

Peilung unerwünscht – Wie PR-Strategen die Wahrnehmung verändern

Oktober 23, 2009 von daherrkoarl

Nachdem jetzt der Spiegel in seinem Nachklapp zu dem ARD-Bericht „Heilung unerwünscht – Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern“ die Markteinführung des Neurodermitis-Produkts Regividerm immer noch als großen Journalisten-Erfolg verkauft, hier mal eine kluge, absolut lesenswerte Chronik der Ereignisse – und damit die naheliegende Erkenntnis Vermutung, dass es sich bei dem Fall wohl eher um verdammt clevere Undercover-PR handelt.

Ich bin ja jetzt echt kein Freund von Verschwörungstheorien, aber…..

Man beachte anhand der Leser-Kommentare bei der SZ-Geschichte, wie Bilder von vermummten Kleinkindern für Emotionen sorgen können!

Das N-Wort

Oktober 22, 2009 von daherrkoarl

Gerade im Zusammenhang mit Wallraff entdeckt:
Es gibt doch tatsächlich eine „Resolution gegen rassistische Getränkebezeichnungen in Bayern“ von dem Antirassismusverein „Der braune mob“.

Man stelle sich also drauf ein, künftig nur noch

- Eistüte mit Schokoladenglasur
- Biermischgetränk mit Cola
- schokolierte Schaummasse auf Waffelboden

zu bestellen, denn am 01. 04.2009 hat das „Landgericht
Neuruppin die Beleidigung „Neger“ als fremdenfeindlich und herabwürdigend verurteilt“.

Ist politisch korrekte/unkorrekte Sprache Ausdruck für eine Einstellung?
Bzw. kann der Durchschnittsfranke das N-Wort, wenn er Durscht hat, aus seinem Schädel bringen?

Der Mohr kann gehen

Oktober 22, 2009 von daherrkoarl

wallraff

Günter Wallraff hat ein neues Buch gemacht. „Aus der schönen neuen Welt“ (KiWi, 13,45 Euro) heißt es, denn GW hat Aldous Huxley gelesen. Er hat sich hinausgewagt als Schwarzer, als Obdachloser, als Malocher in deutschen Callcentern und Billigbackbetrieben in die Niederungen des deutscher Sozialsumpfs.

Ich bin beim Lesen gleich mal gewaltig über seine erste Episode gestolpert. Wallraff als Schwarzer in der deutschen Provinz. Auf dem Ausflugsdampfer rücken sie weg von ihm, sie wollen ihn nicht mitwandern lassen, in Köln schmeißen sie ihn aus der Kneipe und ne Wohnung kriegt er auch nicht. Weil er schwarz ist „wie der Heidi Klum Ihrer“.

Klar gibt es Rassismus in Deutschland. Gibt es genauso wie Exotismus, nach dem hierzulande etwa einer bei manchen als guter Mensch gilt, weil er Kurde oder Palästinenser ist. Ich erinnere mich an eine Verflossene, ein kluges Mädel und studierte Ethnologin, die sich „Ehrenmorde“ doch tatsächlich mit kultureller Identität von Muslimen schönredete.

Was aber den Fall Wallraff betrifft: Trotz seiner „speziellen Sprüh-Schminke“ sieht der auf den Bilder einfach immer noch aus wie Günter Wallraff. In schwarz halt. Tut mir leid, unübersehbare eurasische Züge.
Das bunt gemusterte Hemd: Das sitzt so gar nicht, viel zu eng – so würde ein Afrikaner nie rumlaufen. Die Perücke erinnert an eine gallizische Bärenfellmütze. Doch am schlimmsten: der Bart. Ich war in Südafrika, Namibia, USA und Brasilien – und ich hab noch nie einen Schwarzen gesehen, der mit so einer kolossalen Lech Walesa-Schnurre rumgelaufen ist!
Ich glaub, dass Wallraff hier seine Wandelbarkeit und sein Kostüm etwas überschätzt hat (er wurde sogar eineinhalb Mal erkannt).

Insofern wundert es mich wenig, dass die Leute nicht so scharf auf Kontakt waren.
Wie kommt das rüber, wenn ein Typ – offensichtlich weißer Hautfarbe – mitten im Juli im Faschingskostüm eines Afrikaners rumläuft? Wie ein Freak, genau.
Ähnlich ergeht es uns mit Zwei-Meter-Kerlen mit Dreitagebart und Riesenzinken, die uns in der U-Bahn in Pumps, Kleid und Perlenkette gegenüber sitzen. Nix gegen Transen, aber ein bisschen scary ist das schon, wenn wir ehrlich sind.

Und wenn so jemand sich dann noch aufdrängt, wie es Wallraff es gemacht hat, dann kann das auch nervig sein: einer Unbekannten etwa, um die zwei angesäuselte Typen balzen, Rosen schenken. Es hat auch was von erwartbarer Provokation, wenn ich auf den Dauercampingplatz gehe, die letzte Bastion deutschen Spießertums, und nicht mitgrillen darf. Das war klar, und diese Klientel ist in allen Ländern gleich (auch in den ach so liberalen Niederlanden und in der ach so freiheitlichen Schweiz).

Aber zurück zum Buch. Früher fand ich Wallraff bewundernswert. Weil er mutig war, an Tabus unserer heilen Arbeitswelt kratzte, indem er bei Mannesmann als Türke robotete. Sich als „Hans Esser“ bei der BILD einschlich, die ja ohnhin böse sind scheinen.

Heute finde ich ihn immer noch mutig. Aber er bewegt mich nicht mehr. Enthüllungsjournalismus steht nicht mehr hoch im Kurs, weil keiner mehr an die gute Welt glaubt. Wallraff sei „aus der Zeit gefallen“, schreibt der Spiegel resigniert, ihm fehle der Zynismus der Journalisten von heute.

Leider stimmt das. Zum einen, weil wir zugekackt werden von frustrierenden Meldungen: über eine Lebensmittelindustrie, die uns minderwertige Ware als „gesund“ andreht. Über korrupte Manager, die Daten und Ersparnisse von Bürgern verhökern. Über Pharmakonzerne, die nur an Profit und nicht an Heilerfolgen interessiert sind. Und weil wir uns allmählich an eine Welt gewöhnen, in der Arbeit nichts mehr wert ist.

Vieles von dem, wogegen Wallraff Anklage erhebt, geht absolut d’accord mit dem, was die LoHas von heute ablehnen: etwa die Betriebsmethoden und den Expansionismus von Starbucks. Aber niemand von denen würde Günter Wallraff als Gallionsfigur akzeptieren. „Der nervt“, so die einhellige Meinung. Vielleicht macht auch der Umstand, dass diese schlechte Welt heute bei den Durchschnittsbürgern angekommen ist und jeder seine eigenen Probleme damit hat, Wallraff zu einem Art Don Quixote der Zwonuller.

Und die Journalisten und ihr Zynismus? Ihr Auftrag lautet heute nicht mehr Aufklärung, sondern Unterhaltung. Daher vielleicht. Denn es passiert ja kaum mehr was, wenn sie Mißstände aufdecken. Die einzigen, die was bewegen könnten, wären die Konsumenten. Und denen ist das Hemd letztlich doch näher als der Rock.

Das ist alles sehr schade, denn Günter Wallraff hat für sein Buch weit mehr Einsatz und Rechercheeifer gebracht als all die Tokiohotels, die mit 18 ihre Autobiografie schreiben lassen, oder selbst ernannten Comedystars, die ein drittklassiges Witzbuch mehr unters Volk werfen.

Nur eines muss ich in Sachen Recherche monieren: In München gibts keine Donaubrücken (Obdachlosengeschichte).
Durch München fließt die Isar, das weiss doch jeder!

Mamma, ich will kein Anorak

Oktober 21, 2009 von daherrkoarl

cover

Gerade lese ich auf meedia.de die schon einen Tag alte Meldung, dass Götz Offergeld, seines Zeichens „Liebling“-Erfinder, jetzt Chefredakteur bei „Anorak“ wird.

Anorak? Davon hab ich ja noch nie gehört. Das Ding kommt aus England, richtet sich an „Mädchen und Jungen zwischen fünf und zehn Jahren“ und soll jetzt mit 20.000 Stück als deutsche Ausgabe an den Kiosk. Redaktionssitz ist Berlin.

Wusste gar nicht, dass die in dem Alter schon/noch Printprodukte lesen.

Die britische Ausgabe mit dem Untertitel „The happy mag for kids“ macht auf mit psychodelischen Grafik-Covern, die aus feuchten Träumen von Ober-Grateful Dead-Head Jerry Garcia stammen könnten. Bisschen Zirkus, bisschen Tiere, keifende Männchen mit Schwurbelköpfen. Und alles höchst pädagigisch wertvoll, verbrämt mit dem höchst seltsamen, britischen Waldorf-Humor.

Bin ja gespannt, ob die das Konzept in Deutschland so beibehalten werden. Als erstes sollten sie vor allem den Titel ändern. „Anorak“ erinnert an Palomino-Pferd, Übergangsjacke und kratzende Strumpfhosen für Jungs. Oll halt.
Nachdem das Ding in Berlin entsteht: Wie wärs mit „Bomberjacke“?