Das ist sie also, die berühmte Rote Gourmet Fraktion. Eine Handvoll Vögel, Rockgenre-gemäß herausgeputzt, Basisfarbe schwarz, hie und da ein Piratentuch. Ein dreckiges Dutzend, das angetreten ist, der Gourmetwelt in Punkmanier die Stirn zu bieten. Mit einer Entourage ebenfalls in schwarz gewandeter, gekont abgerissen erscheinender Begleiter: Ein DeeJott ist dabei, denn man kann ja heute ohne Gedudel nicht mehr gepflegt essen (“grouvige Lounge-Beats by Max Mausser“). Ich sehe eine Nickelbrille, wie sie der Zeichner Brösel trägt – so eine hab ich aus nächster Nähe das letzte Mal 1985 bei einer Kifferparty in der Holledau gesehen.
Geladen hat der umsatzstärkste Tabakhersteller in Deutschland, einfach mal so, seinen Geschäftsfreunden zu zeigen: Wir leben auch in Zeiten des Rauchverbots und des Werbeverbots noch. Nun gut.
Ole Plogstedt führt uns in flotten Worten in sein Menu ein: Mit seinem als “Thunder” deklarierten Zander und dem “Corn at Beef” (Rindersteak mit Corn Flakes-Kruste auf “mashed Peperpotatoes”) beweist der Mann Sinn für Wortwitz, das ist mal was. Leider verstehen das die meisten nicht, aber das kann man Plogstedt nicht anlasten. Und dann gehts zur Sache.
Der Zander ist auch wirklich schön: zart, aber noch mit Konsistenz. Und die Graupenpampe dazu hat eine interessante Konsistenz, schmeckt auch würzig. Graupen! Will ich auch machen, kenn ich nur aus Geschichten von der Oma.
Nur leider bleibt meiner charmanten Tischdame und mir der Donnerfisch fast im Halse stecken, da der Weisswein mit Abwesenheit glänzt.
Auf der Karte steht er schon, der “Krautwine“: Eine Kooperation von der RGF und Martin Tesch dem Riesling-Wunderknaben von der Nahe: Ich hab den Tropfen kürzlich zu Hause probiert: Kein übler Saufwein, der sich nur marginal von Teschs “Unplugged” unterscheidet. Die RGF vertreibt den Riesling auch online – mit ein paar Euro draufgeschlagen. Ganz ehrlich: In Sachen Säure fand ich den Namen “Krautwine” dann doch ganz treffend.
Aber zurück zur Tafel. Die blonden Elfen machten keine Anstalten, und zu trinken zu geben. Murren kam auf. Dabei besagt doch die alte Regel von 1789: “Du kannst gern das Volk hungern lassen, aber lass es nie dürsten!” Nach viel Gewinke und deutlichen Worten gab uns das blonde Lockenköpfchen, bis dato mit Rumstehen schwer beschäftigt, dann doch ein Glas. Meine Tischgenossin hatte jedoch den Fisch schon weggeputzt.
Na gut. Beim Beef waren wir schlauer: Als die Teller an den Tisch kamen, baten wir energisch – die Tischgenossin, ein beleibter, schreibender Anwalt sowie ein Prinz vom Geschlecht des Amadeus um Wein – und zwar Roten! Und er kam – fast schon im Takt. Ein schöner Burgenländer, “Kloster am Spitz” hieß der Bursche, hatte m. E. ein paar Monate im Fass verbracht.
Doch dann kamen die nächsten Schwierigkeiten auf. Das Beef war auf den Kartoffelbrei gebettet und drohte bei jedem Schnitt in der Pampe zu versinken. Solch eine Konstruktion hätte der unbegabteste Statiker nicht durchgehen lassen. Dazu kam erschwerdend, dass das Zeug mit einer feuchtigkeitssaugenden Textur gesegnet war, dass man mit dem Trinken gar nicht nachkam. Plötzlich, ein Blick zu den Nachbarn zur Rechten: Die hatten Soße! Zwar nur ein minimalistisches Schälchen, aber immerhin (Und, wie sich später herausstellte, auch ein leckere!). Murren setzte ein, das langsam anschwoll. Ich bin inzwischen überzeugt, dass die Meuterei auf der Bounty seinerzeit zu vermeiden gewesen wäre, wenn man der Crew nur rechtzeitig Soße zum Beef gegeben hätte.
Das blonde Lockenköpfchen wird mittlerweile von einen jungen Mann unterstützt, der einen hie und da tatsächlich wahrnimmt.
Muss er auch. Denn an Pfeffermühle und Salz ist Not, gibts auch erst nach flehentlichen Betteln. Lockenköpfchen beeilt sich schon fast.
Dann der Nachtisch: Fein!
Ein warmer Schokokuchen “in Tonkabohnensoße”. Tonka was? Egal. Schmeckt. Nur leider wird das fiese Kalorienzeug in scharfkantigen Blechdosen serviert, dass ich die RGF innerlich beglückwünsche, dass dieses Dinner nicht in den USA serviert wird.
Ich bin dann doch ziemlich zufrieden, weil der Kuchen so gut war, und die Leute am Tisch so nett. Und auch der Burgenländer hat mir gefallen. Ich hab noch einen Fingerbreit drin, und denk mir: “Scheiß drauf, nimm noch einen Kleinen!” Und ich begehe einen folgenschweren Fehler: Ich bitte Blondschöpfchen ums Nachschenken. Fehler deswegen, weil der Nachschub korkt wie ein Parkett vom Praktiker. Grausen.
Ich geb auf – ebenso wie meine Tischgenossen.
Was lernen wir daraus? Zum einen, dass sich jemand, der als Caterer angefangen hat, eigentlich wissen sollte, dass guter Service das Rückgrat eines Dinners ist. Man sollte seine Bedienungen nicht unbedingt nach dem Blondheitsgrad casten, sondern vielleicht nach der Erfahrung, die schon ein bisschen über das Wodkaausschenken auf einem Astafest hinaus gegangen sein sollte. Das ist auch die große Schwäche der ganzen Lifestyle-Läden wie Nektar oder Nero, dass dort lauter Nachtgelichter arbeitet und vom fürsorglichen Umgang mit Gästen wenig Schimmer hat.
Zum anderen muss ich an dieser Stelle mal bemerken, dass mir das ganze Küchengekasper inzwischen gewaltig auf den Sender geht. Wer im “Kochduell” viel Applaus kriegt, muss noch nicht unbedingt gut kochen können.
Das ist visuelle Unterhaltung, Leute!
Und ich brauche weder lautes Clubgedudel noch Zirkusgehampel beim Essen.
Ich will schmecken und mich unterhalten, und keine Reizüberflutung auf allen Kanälen.
Mir ist schon klar, dass Plogstedt das Kochen durchaus gelernt hat. Aber man muss sich heutzutage medial und originell vermarkten. Leider. Da “schreibt” man ein Buch, tritt im Fernsehen auf. Und Die RGF hat – als Leibköche der Toten Hosen und der Ärzte einen Ruf zu verlieren. WelcheN? Nu, das ist die Frage.
Vielleicht ist das die Ursache, dass die Hosen und die Ärzte nur noch schlechte Musik machen.






